Ben & Mia - Bäume umarmen und so


Mia und Ben sind beste Freunde. Sie wohnen in einem Haus und sind nach den Sommerferien in die zweite Klasse gekommen. Auch im Kindergarten haben sie schon alles gemeinsam gemacht und ihre Eltern sind auch gut befreundet. Sie sehen sich nach der Schule so oft es geht und fühlen sich fast schon wie Bruder und Schwester. Beide haben sogar die gleiche Lieblingsfarbe -Blau- und beide lieben Pizza ohne Schnickschnack. 

Langeweile kennen die beiden nicht. Es gibt soo viele spannende Dinge zu erkunden und wenn Mia keine Idee hat, hat Ben eine oder umgekehrt.

Heute ist Ben sehr still und unkonzentriert. Seine Eltern haben gestern Abend sehr laut miteinander gesprochen und sich dabei nicht so schöne Dinge gesagt. Und auch wenn Ben nicht genau verstanden hat worum es eigentlich ging, so hatte sein Bauch doch ein ungutes Gefühl. Irgendwann war es dann ganz still, aber er konnte trotzdem nicht mehr einschlafen, weil seine Gedanken ihn nicht zur Ruhe kommen ließen. Was, wenn Mama und Papa nicht mehr zusammen sein wollten? Das hatte er schonmal bei einem Klassenkameraden mitbekommen. Der ist dann irgendwann nicht mehr gekommen, weil seine Mutter mit ihm weggezogen ist. Ben möchte niemals wegziehen. Er möchte hier zuhause bleiben bei Mama UND Papa, in seiner Schule und bei seiner besten Freundin Mia.

„Ben? Beheen?“, Mia schaut ihren Freund fragend an. Es ist grad Pause und beide sitzen auf dem Schulhof in ihrer Lieblingsecke und essen ihre Brote. „Was?“, erwidert Ben zerstreut. „Du hörst mir gar nicht zu!“, sagt Mia, „Was ist denn los?“ „Ach nix.“, sagt Ben und beisst lustlos in sein Brot. Heute schmeckt es ihm nicht, weil sein Bauch immer noch grummelt wegen gestern Abend. Mia springt auf, zieht an Bens Pulloverärmel und rennt dann weg. „Fang mich doch du Eierloch!“, ruft sie lachend und zieht eine Grimasse. Aber Ben schaut weg. Er hat jetzt keine Lust auf Fangen spielen. „Mensch Ben, was ist denn los mit dir?, mault Mia. „Du bist ja heute ein richtiger Spielverderber.“ Das ist jetzt gerade zu viel für Ben. Er springt auf und schreit Mia an: „Dann such dir doch einen anderen Freund, wenn ich ein Spielverderber bin.“ Er rennt davon. Mia bleibt mit offenem Mund stehen und versteht die Welt nicht mehr. Das war nicht ihr Ben, der sie da gerade angeschrien hat. Irgendetwas stimmt da nicht, das spürt sie ganz genau. Nach der Pause sitzen Ben und Mia wieder nebeneinander im Klassenraum. Ben hat seinen Kopf auf beide Hände gestützt, so als wäre dieser sehr schwer. Er macht ein trauriges Gesicht und seine Augen sind ein bisschen rot, so als hätte er geweint. Mia wird es beim Anblick ihres Freundes ganz mulmig zumute. Sie möchte ihm doch so gerne helfen. Sie reißt von der letzten Seite ihres Schulheftes ein Stück Papier ab und schreibt drauf: LIEBER BEN, ICH BIN IMMER FÜR DICH DA. DEINE MIA 

Das Papier faltet sie zusammen und unter dem Schulpult klopft sie gegen Bens Bein, damit er den Zettel annimmt. Zum Glück tut er das auch, aber er steckt ihn in seine Hosentasche. „Na gut“, denkt Mia, „dann lies den Zettel einfach später aber bitte lies ihn bitte, damit ich dir helfen kann.“ 

Der Nachhauseweg  nach der Schule verläuft sehr still. Keiner der beiden sagt etwas und Mia ist froh, als sie endlich zuhause sind. 

Ben geht direkt in sein Zimmer. „Wasch dir die Hände und komm essen Ben.“, ruft seine Mutter. „Ich habe keinen Hunger Mama, ich bin müde und möchte mich etwas ausruhen.“ Mama steckt ein paar Sekunden später den Kopf durch die Tür. „Was ist mit dir Ben? Hattest du keinen guten Tag?“, fragt sie besorgt. „Doch, doch, alles ok. Ich bin nur etwas müde.“ Mama legt ihre kühle Hand auf seine Stirn. „Mmh, schon ein bisschen warm dein Kopf. Ruh dich einfach etwas aus Ben, ich schau später nochmal nach dir. Vielleicht brütest du eine Erkältung aus.“ Mama hilft ihm, es sich gemütlich zu machen, deckt ihn zu und gibt ihm einen Kuss auf die Nasenspitze. Da muss Ben sofort lächeln: „Hihi, das kitzelt Mama.“ Mama lächelt zurück und steht auf. „Ich bin in der Küche und lass die Tür einen Spalt auf. Wenn was ist, ruf nach mir, ok?“ „Ok Mama, mach ich.“, murmelt er müde. Er muss nun tatsächlich noch etwas Schlaf nachholen. Er gähnt noch einmal lang und schläft dann fest ein. Die Stimme von seinem Papa, direkt neben ihm, weckt ihn auf. „Na mein Großer, willst du den ganzen Tag verschlafen? Mia hat schon nach dir gefragt. Sie möchte draussen mit dir spielen.“ „Oh je Mia.“, denkt Ben, „Sie hatte mir doch einen Zettel zugesteckt.“ „Hallo Papa, nein ich war nur ein bisschen müde. Jetzt geht es schon wieder. Ich mache jetzt direkt meine Hausaufgaben.“ „Nein Ben, geh ruhig erst an die frische Luft, so lange draussen noch die Sonne scheint.“, sagt Papa, „Später helfe ich dir auch bei deinen Schularbeiten, versprochen.“ „Ok.“, sagt Ben und wartet dann bis sein Vater das Zimmer verlässt. Er kramt in seiner Hosentasche nach Mias Zettel. Er faltet ihn auseinander und liest ihre Worte. Dabei wird es ihm ganz wohlig und warm. Auf Mia ist Verlass, das weiß er genau und nun möchte er ganz schnell zu seiner Freundin, um mit ihr zu spielen und ihr erzählen, was ihn so bedrückt. Als er am Wohnzimmer vorbei zur Haustür läuft, sieht er wie Mama und Papa sich in den Arm nehmen und küssen. Das gibt ihm so ein großes Gefühl von Freude und Zuversicht, dass er beim Runterlaufen der Treppe immer zwei Stufen auf einmal nimmt. Draussen angekommen kann er Mia nicht finden. Er geht zu verschiedenen Plätzen und auch zu ihrem gemeinsamen Geheimversteck. Es ist ein großer, alter Baum, eine Kastanie. Sie steht direkt hinter einem Zaun. Hier hat er mit Mia ein Loch entdeckt, durch das sie durchgeschlüpft sind und dabei haben sie dann diesen Baum entdeckt. An diesem Baum sitzen sie beide am liebsten und erzählen sich von ihren Träumen. Manchmal nehmen sie auch etwas zum Naschen mit und eine kleine Decke. Das ist immer so schön gemütlich. Doch auch hier ist Mia nicht. Da hört er ihre Stimme hinter sich: „Hallo Ben, ich hab dich auch schon gesucht. Wollen wir uns wieder vertragen?“ Mia steckt den Kopf durch das Loch vom Zaun und guckt ihn fragend an. „Es tut mir leid, dass ich so blöd zu dir war Mia.“, sagt Ben, „Mir ging es nicht so gut, soll ich dir erzählen warum?“ „Na klar!“, sagt Mia, „Dafür sind Freunde doch da.“ Ben erzählt Mia vom Streit seiner Eltern und dass es ihm Angst gemacht hat. Und auch, dass Mama und Papa sich wieder vertragen haben. „Wie wir.“, sagt Mia. „Ja, nur ohne Küssen.“, sagt Ben und macht einen schiefen Mund. Da müssen beide ganz doll lachen. „Weißt du“, sagt Mia, „wenn man sich mit doofen Gedanken doofe Gefühle macht, dann hilft es wenn man ein bisschen meditiert.“ „Medi was?“, antwortet Ben. „Meditiert!“, wiederholt Mia. „Das ist so wie schlafen aber trotzdem wach sein.“ „Hääähhh?“, Ben macht große Augen. „Also meine Mama hat manchmal ganz dollen Stress bei ihrer Arbeit.“, erklärt Mia. „Wenn sie dann nach Hause kommt, dann meditiert sie eine halbe Stunde. Danach fühlt sie sich wieder in ihrer Mitte, sagt sie dann immer.“ „Was für ne Mitte? Der Bauch oder wie oder was?, fragt Ben. „Ja, so ungefähr.“, erklärt Mia. „Also Mama meint, dass ihre Gedanken sich beruhigen, wenn sie achtsam in ihren Bauch ein- und ausatmet und sie sich nur darauf konzentriert. Dann wird ihr Kopf wieder frei von all dem Denken und all dem Stress und ihr Körper ist danach viel leichter und entspannter.“ „Das hört sich voll einfach an!“ überlegt Ben laut. „Sollen wir das mal ausprobieren?“, fragt Mia. „Was? Hier und jetzt?“, Ben schaut seine Freundin skeptisch an. „Ja“, sagt Mia, „Mama sagt auch, dass Bäume Kraftorte sind. In ihrer Nähe können Herz und Seele gesund werden. Man kann sie auch umarmen, wie Freunde.“ Ben springt auf und umarmt albern den Baum. „Hallo Herr Baum, möchten sie mein Freund sein?“ Mia muss lachen. Dann aber sagt sie ernst: „Sollen wir es nun mal ausprobieren  mit dem Meditieren oder nicht?“ „Von mir aus.“, meint Ben, „Mit dir macht ja alles Spaß, Bestimmt auch das Meditieren. Was muss ich tun?“ „Also Mama hat extra ein Meditationskissen. auf dem sie sitzt. Aber egal, wir setzen uns jetzt gegenüber im Schneidersitz hier auf die Wiese und machen die Augen zu. Dann atmen wir durch die Nase ein und durch den Mund aus. Mama sagt, dass der Bauch sich wie ein Luftballon beim Einatmen aufbläst und beim Ausatmen wieder flach wird. Die Hände legen wir dabei einfach auf die Oberschenkel.“ Ben und Mia setzen sich im Schneidersitz gegenüber ins weiche Gras und schließen ihre Augen. „Jetzt juckt aber meine Nase.“, sagt Ben. „Egal.“, antwortet Mia, „Wenn ein Gedanke kommt oder ein Juckreiz, dann atme einfach weiter ruhig ein und aus. Mama sagt, dass sie ihre Gedanken einfach wie kleine Wölkchen weiterziehen lässt.“ „Auch wenn man an Schoki-Eis denkt?“, gibt Ben zu Bedenken. 

„Behennnnnn! Psssst! Hör mal, wie schön die Vögel singen und wie der Wind in den Blättern rauscht.“ Ben wird jetzt ganz still. Er lauscht auf die Vogelstimmen und das Blätterrauschen. Sein Atem geht jetzt ganz ruhig und sein Kopf ist leer. Es fühlt sich alles ganz leicht in ihm an. Er blinzelt hinüber zu Mia. Die sieht auch ganz entspannt aus. Als würde sie im Sitzen Schlafen. Dabei sitzt sie ganz gerade. Er konzentriert sich wieder auf seinen Atem, wie der durch seine Nase, durch seinen Hals, am Herzen entlang, den Weg bis in seinen Bauch findet, ihn aufbläst und wie beim Ausatmen sein Bauch wieder flach wird. Alles ganz automatisch und ohne nachzudenken. Er hört wieder das Rauschen der Blätter. Doch dieses mal scheinen sie mit ihm zu sprechen. Sie flüstern: „Lieber Ben, du kannst selbst bestimmen, wie du dich fühlst. Wenn du gute Gedanken hast, hast du auch gute Gefühle. Wenn du etwas Schlechtes denkst, sind deine Gefühle auch schlecht. Du darfst entscheiden.“ „Ich entscheide mich glücklich zu sein!“, ruft Ben aus und erschreckt sich vor seiner eigenen Stimme. Mia erschreckt auch und reißt die Augen auf, „Was sagst du?“ „Ich will mir glückliche Gedanken machen und mich damit glücklich fühlen.“, sagt Ben mit fester Stimme. Beide schauen sich an. Dann steht Ben auf, geht langsam zum Baum und umarmt ihn: „Danke mein lieber Freund“, sagt er freundlich zu ihm, „danke, dass du mit mir gesprochen hast.“  Er dreht sich zu Mia um und ruft: „Jetzt muss ich mich aber bewegen und ein Eis brauch ich auch.“ „Oh ja, tolle Idee.“ ruft Mia. Beide schlüpfen durch das Loch im Zaun zurück auf die Strasse und spielen bis Papa Ben reinruft. „Ach ja, die Hausaufgaben.“, sagt Ben, „Tschüss Mia, bis morgen. Ich freue mich schon wieder aufs Glücklich sein.“ „Bis morgen!“, ruft Mia und winkt Ben zu, bevor sie fröhlich nach Hause läuft. „Na, habt ihr schön gespielt?“, fragt Papa. „Nein, meditiert!“, erwidert Ben, „Und dabei sind wir sehr glücklich geworden.“ „Ach so?“, Papa schaut Ben fragend an. „Warst du denn vorher nicht glücklich?“ „Manchmal machen einem blöde Gedanken blöde Gefühle.“, erklärt Ben, „Dann meditiert man sie einfach weg und umarmt einen Baum. Bäume sind nämlich tolle Freunde. Sie geben einem Kraft.“ „Das stimmt, das habe ich auch schon von Mias Mutter Tina gehört.“, sagt Mama, die plötzlich hinter ihnen steht. „Die ist nämlich Meditationslehrerin. Manchmal meditiere ich mit ihr gemeinsam. Danach fühlt man sich so friedlich und alles, was vorher kompliziert erschien, wird einfacher und leichter. Aber am allerliebsten umarme ich euch beiden.“, sagt sie lachend und drückt Ben und Papa an ihr Herz.

©️Gabriele Körber